Für die zweite Auflage des House of Galleries zeigt Sakhile&Me eine Duo-Präsentation mit Wandskulpturen und -installationen von Ghizlane Sahli (geb. 1973, lebt in Marrakech) und Niquu Eyeta (geb. 1998, lebt in Frankfurt/Offenbach). Beide Künstlerinnen fokussieren sich in den gezeigten Werken insbesondere auf das Verwenden von Textilien und arbeiten mit langsamen, teils repetitiven und von Intuition und Emotion geleiteten Prozessen. Themen wie Nachhaltigkeit, Vergänglichkeit und Transformation finden sich in der Praxis beider Künstlerinnen wieder, ebenso wie der fließende Übergang zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion.
Gleichzeitig unterscheiden sich die Arbeiten beider Künstlerinnen in ihrer Ausdrucksweise voneinander. Ghizlane Sahli konzentriert sich auf monochrome, leuchtende Farben – in erster Linie rot und weiß – und ihre Skulpturen wuchern scheinbar in den Raum hinein. Die von Sahli verarbeitete Seide dominiert den visuellen Eindruck ihrer Kompositionen, mit ihr umhüllt die Künstlerin die Köpfe gesammelter Plastikflaschen und fügt diese anschließend zu an Zellstrukturen oder Korallen erinnernde Formen zusammen. Sahlis Werke treffen die Betrachter*in unvermittelt, sie verlangen nach Raum und Aufmerksamkeit und definieren sich über ihre farbliche und plastische Wucht.
Dagegen zeichnen sich Niquu Eyetas mit Pflanzen- und Mineralfarbstoffen getränkten Textilassemblagen durch eine stillere Intensität aus, sie sind sowohl in ihrer Farbigkeit als auch ihrer Materialität zurückgenommener und laden zu einem verlangsamten Betrachten ein, um Verläufe, Nuancen und Details zu entdecken. Baumwolle und Gaze sind in unterschiedlichen Größen und Formen übereinandergeschichtet, einzelne Partien werden verdeckt, andere hinterlassen ihre Spuren oder scheinen aus dem Hintergrund hervor und beanspruchen Raum. Aus der Kombination der unterschiedlichen Farben und Stoff-Fragmente entstehen abstrakte Landschaften, enigmatische Karten oder schemenhafte Figuren.
In der Kombination ergänzen sich die Arbeiten beider Künstlerinnen dank ihrer Gemeinsamkeiten und Unterschiede sehr gut, ja verstärken sich zusätzlich. Gleichzeitig laden uns ihre Werke dazu ein differenzierter über die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Nachhaltigkeit nachzudenken. Weder Ghizlane Sahli noch Niquu Eyeta definieren sich ausschließlich über die ökologische Komponente ihrer Praxis und beim Betrachten drängt sich weder Sahlis Wiederverwendung entsorgter Plastikflaschen noch Niquus Benutzung selbst hergestellter Farben aus Pflanzenmaterial in den Vordergrund. So wirken sie einer vorschnellen Kategorisierung oder Vereinnahmung ihrer Kunst entgegen und selbst wenn Nachhaltigkeit kein für unsere Zeit maßgebliches Thema wäre, würden die Werke beider Künstlerinnen dank ihrer Intimität und Emotionalität relevant und aktuell sein.
Ghizlane Sahli studierte Architektur am École d'Architecture de Paris-Tolbiac und École Nationale Supérieure d'Architecture de Paris-Belleville, bevor sie in Marrakesch zusammen mit lokalen Handwerkerinnen eine Stickerei-Werkstatt eröffnete. Im Jahr 2012 war sie Mitbegründerin des Kollektivs Zbel Manifesto, das sich in seiner künstlerischen Praxis der Arbeit mit Abfall und wiederverwendeten Materialien widmet. Ihre Arbeiten sind Teil der Sammlungen des Victoria & Albert Museum in London, des Museum of African Contemporary Art Al Maaden in Marrakesch, der Fondation H in Paris, der Fondation Gandur in Genf und der Fondation Blachère in Apt. Beeinflusst von ihrem Verständnis von Raum und architektonischem Design sowie ihrem Engagement für ökologische Nachhaltigkeit schafft Sahli Skulpturen und Installationen aus den mit Seidenfaden überzogenen Köpfen gebrauchter Plastikflaschen, eine Technik, die sie als "Alveolen" bezeichnet. Ihre Inspiration ist der menschliche Körper, insbesondere der weibliche Körper in seiner Intimität.
"Bevor ich mit Histoires de Tripes begann, habe ich mir eine Sammlung von Nahaufnahmen des menschlichen Körpers angesehen", führt Sahli aus. "Zellen, Nervenabschnitte, Organe, Drüsen. In meinen Arbeiten will ich sie nicht reproduzieren, aber sie sind die Inspiration für meine ‚Alveolen.‘ Der menschliche Körper, den ich in meinen Werken darstelle, ist universell, frei von einer bestimmten Identität, die durch Kultur, Bildung, Religion, Tradition, Geschlecht usw. geprägt ist. Aber vielleicht ist es auch mein eigener Körper, den ich als Frau neu entdecke. Nicht, um zu schockieren oder als Ausdruck meines Feminismus, sondern um mich und meinen Körper zu verstehen. Mit anderen Worten: Ich schreibe mit meinen Arbeiten eine persönliche Geschichte."
Niquu Eyeta ist eine interdisziplinäre Künstlerin, die mit Textil, Keramik, Malerei und natürlichen Pigmenten arbeitet und dieses Jahr ihr Studium an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach mit dem Diplom abschließen wird. Ihre Praxis basiert auf langsamen Materialprozessen, die Transformation, Wachstum und Verfall sowie sensorische Erfahrungen in den Vordergrund stellen. Mit diesen Methoden beschäftigen sich ihre Arbeiten mit Themen wie Vergänglichkeit, Ritus und Relationalität und setzen sich mit den durchlässigen Grenzen zwischen Körper, Landschaft und Erinnerung auseinander.
"Ich arbeite mit Materialien als lebendigen Trägern von Erinnerung und Beziehung", erklärt die Künstlerin. "Ich interessiere mich für Prozesse des Werdens und des Verfalls, des Lebens und des Sterbens, in denen sich Formen zwischen Menschlichem und Mehr-als-Menschlichem bewegen. Meine Arbeit entfaltet sich langsam, durch Färben, Formen, Zuhören und Reagieren. Ich fühle mich zu Zuständen des Übergangs hingezogen, in denen Formen verschwimmen, sich auflösen oder sich weigern, sich festzulegen. Meine Werke sind Räume, in denen sich Geschichten zwischen dem Persönlichen und dem Kollektiven bewegen. Ich verstehe Material als einen aktiven Wirkstoff, als etwas, das sich bewegt, Widerstand leistet und Spuren von Fürsorge, Gewalt, Intimität und Zeit in sich trägt. Meine Installationen und Werke erscheinen oft in einem Zustand des Übergangs, der Auflösung. In meiner Arbeit möchte ich zu einer körperlichen Begegnung einladen, die über das Visuelle hinausgeht, sei es durch Geruch, Berührung, Geschmack oder Klang. Rituale liegen sowohl meinem Schaffensprozess als auch der Präsentation meiner Arbeiten zugrunde. Ich interessiere mich dafür, wie das Persönliche zu einem Ort der Beziehung wird, wie wir mit anderen – menschlichen und mehr-als-menschlichen – Wesen, in Beziehung treten."









